Ägypten / November 2009

Ägypten / November 2009

Es gibt ja viele gute Gründe, die für eine organisierte Gruppenreise sprechen. Man braucht sich selber um nichts zu kümmern, man hat eine Ansprechperson, die darauf schaut, dass alles klappt. Man kann sich zurücklehnen und sich auf das gebuchte Programm freuen. Die Sprache ist meist die eigene Muttersprache, was gerade für diejenigen von Bedeutung ist, die sich in einer Fremdsprache nicht so sicher fühlen. Die Reisegruppe besteht meist aus Gleichgesinnten, mit denen man sich nett unterhalten und vielleicht sogar Freundschaften schließen kann. So eine Gruppenreise bietet also, egal wo auf der Welt, einen Rahmen, der Sicherheit und Entspannung verspricht.
Unsere Art zu reisen (nicht immer zu wissen, ob man am geplanten Zielort ankommt; ohne Hotelreservierung, weil schauma mal; sich unabhängig von A nach B durchzuschlagen ohne die Sprache des Landes zu beherrschen etc.) wäre bestimmt für viele nicht vorstellbar. Umgekehrt haben wir unsere Mühe damit, wenn auf einer Reise alles vorab fix geplant ist und von außen vorgegeben wird. Frühstück von 07.20h bis 07.55h, dann um 08.10h Abfahrt mit Bus Nummer 17 zu Sehenswürdigkeit X, dort 30 Minuten zur freien Verfügung… Muss nicht sein. Aber man sollte es zumindest mal ausprobiert haben, um mitreden zu können. Außerdem war das Angebot (1 Woche am Meer in Hurghada, danach 1 Woche Nilkreuzfahrt ab Luxor) recht günstig. Und wie lassen sich sonst die Sehenswürdigkeiten entlang vom Nil bequem besuchen, wenn nicht per Schiff?

Die Anreise erfolgte mit einem Austrian Airlines Charterflug und die gehen bekanntermaßen ja meist zu unchristlichen Zeiten in aller Früh. Wir haben vorher nicht geschlafen und während so eines Fluges schaffe ich ja auch keinen wirklich erholsamen Schlaf. Wir schlurfen also ziemlich übermüdet in Hurghada zur Passkontrolle, wo wir uns um ein kostenpflichtiges Visum anstellen müssen. Während ich mich noch darüber ärgere, dass das Visum in US-Dollar deutlich billiger ist als in Euro, entwickelt sich zwischen G. und mir etwas Unruhe wegen der Frage, wer denn das Geld für unsere Visa hat. Ich hab’s dir gegeben – nein, hast du nicht. Nach einer Nacht ohne Schlaf ist keiner von uns in Stimmung für Deeskalation und so stehen wir also vor dem Beamten – hinter uns der gesamte Flieger in der Warteschlange – und bieten allen Anwesenden eine kleine Show. Wegen nix. Wir haben danach im Bus zum Hotel zwar immer noch kein Wort miteinander gesprochen, aber sehr wohl kommuniziert auf Hochtouren. Szenen einer Ehe….

Wir sind beide nicht die Typen, die den ganzen Tag am Hotelpool herumliegen können, also haben wir die Woche in Hurghada zum Tauchen genutzt. G. hatte schon einige Tauchgänge hinter sich, ich war kompletter Anfänger und hab daher einen Kurs gemacht. In der Tauchschule war ich der einzige Deutschsprachige und hab gemeint, dass ich dem Kurs natürlich auch auf Englisch folgen könnte. Aber man bestand darauf, dass ich in meiner Muttersprache unterrichtet werde und so bekam ich also meinen Privatlehrer. Die ersten praktischen Übungen fanden unterhalb des Piers im Wasser statt – also nicht unbedingt die schönste Umgebung. Aber dieser erste Atemzug unter Wasser (hey, das geht wirklich!) war der Wahnsinn. Danach gab’s kein Halten mehr.
Ich war mit meinem Kurs meist viel früher fertig als G., der mit den anderen Tauchern Ausflüge machte. Ein junger Mann fuhr mich dann immer extra zurück ins Hotel. Er sprach so gut wie kein Englisch, aber wir verbrachten die Fahrten immer damit, dass er auf verschiedene Dinge zeigte, mir sagte, wie es auf Arabisch heißt und dann hab ich ihm die englische Bezeichnung genannt. Ich hoffe, er hatte mehr von den Tandem-Unterrichtseinheiten als ich. Mehr als Qamis (Hemd) ist nicht hängengeblieben.
Ein Mal zeigte er auf eine Frau, die draußen vorbeiging. „Woman“, sage ich. „No good“, sagt er. Ich „No, woman!“. Er: „Woman no good“. Dann zeigt er auf mich und meint: „Good“. Ich glaub, so süß wurde ich danach nie wieder angebaggert.
Die Nachmittage verbrachte ich am Strand bzw. am Pool und wartete dort auf G. Meist vergrub ich mich in mein Buch, denn die Umgebung sah oft so aus:

Nach einigen Theorie- und Übungseinheiten durfte ich dann endlich mit den Großen auf Tauchausflüge mitkommen. Es ging zu einem Riff und einem Schiffswrack ganz in der Nähe. Dieser Tauchgang war für mich viel früher wieder zu Ende als für die anderen, weil ich vor lauter Hui meine Luftflasche in kürzester Zeit leergeatmet habe.

Nach der Woche Hurghada wurden wir mit dem Bus nach Luxor gebracht. Ein junger Fremdenführer gab sich alle Mühe, um uns die Fahrt mit Informationen über Land und Leute interessanter zu gestalten. Er hatte verständlicherweise noch seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Ich denke, es ging um die israelische Besetzung des Sinai und über das Leben der Beduinen. Nach knapp einer halben Stunde gab er auf.
À propos Beduinen: es hieß, dass wir unterwegs „bei Beduinen“ Halt machen würden. Ja, taten wir dann auch. Es war eine Art Autobahnraststätte, wo wir uns mit Sandwiches, Getränken und Krimskrams eindecken konnten. Was für mich neu war, war wie gut die Beduinen Russisch sprechen. Das war vor 12 Jahren so und das ist heute nicht anders. Die Russische Föderation ist ein riesiger Reisemarkt für Ägypten, deutlich wichtiger als der deutschsprachige Raum. Falls jemand noch erwarten sollte, dass man überall mit Deutsch durchkommt.

In Luxor angekommen bezogen wir unsere Kabine am Schiff und dann machte wir uns auf den Weg, um H und M zu treffen. Die beiden hatte ich in meiner Zeit in Deutschland kennengelernt, als ich meinen Auslandszivildienst in der Gedenkstätte Bergen-Belsen leistete. Sie verbringen immer wieder Zeit in Ägypten, haben eine Wohnung in West-Theben am Westufer des Nils und es war eine wunderbare Gelegenheit, um sie wieder mal zu treffen. Sie kennen natürlich die besten Plätze in der Gegend – wie etwa dieses Lokal mit Gastgarten:

Dieses Treffen mit H und M war bereits ein Akt der Aufmüpfigkeit, da uns am Schiff dringend davon abgeraten wurde, in die Stadt zu gehen. Wir müssten uns erst noch akklimatisieren…

Dann ging es auch schon los mit Ausflügen, wie etwa ins Tal der Könige am Westufer.

Diesen Blick von oben hat man für gewöhnlich nicht. H und M hatten uns den Tipp gegeben, den Trampelpfaden auf den Hügel zu folgen. Schilder warnten zwar davor, da sich dort angeblich militärisches Sperrgebiet befindet, allerdings trafen wir auf einen netten Herrn, der uns versicherte, dass dem nicht so sei. Er hat dann Fotos von uns gemacht und uns eine handgeschnitzte Figur verkauft.

Über dem Tal der Könige
Blick auf der anderen Seite des Hügels runter zum Totentempel der Hatschepsut

Durch diesen Ausflug auf den Hügel fehlte uns dann natürlich die Zeit unten im Tal (der Bus wartet nicht) und wir konnten nur wenige der Grabanlagen besichtigen. Ich schulde G. somit noch einen intensiveren Besuch des Tals der Könige – der wäre inzwischen ohnehin wieder fällig, da seit unserem Besuch weitere archäologische Ausgrabungen durchgeführt und weitere Anlagen entdeckt wurden.

Dann ging es mit dem Schiff los Richtung Süden (also stromaufwärts). Ich muss schon sagen, dass es ziemlich viel Charme hat, wenn man von der Kabine aus das grüne Nilufer vorbeiziehen sieht.

Hinter dem schmalen grünen Streifen entlang des Ufers beginnt die Wüste.
Die Stunden an Deck waren sehr geruhsam.
Beim Passieren von Schleusen war plötzlich alles auf den Beinen.
Feinstes Tuch wird feilgeboten…

An Deck waren an sich mehr als genug Liegen für alle da, aber es war, wie es immer ist: Liegen wurden mit Handtüchern „reserviert“. In meinen Augen eine Unart, die noch absurder wurde, als wir eines Tages nach einer Exkursion ohnehin erst am Nachmittag wieder am Schiff sein sollten. Da wurden schon vor dem Frühstück die ersten Handtücher verteilt. Wir waren kurz an Deck, um eine Zigarette zu rauchen und ich hab das Spektakel beobachtet. Jetzt kommt ein kleines Geständnis: ich hab dann alle Handtücher wieder eingesammelt. Gut, nicht gerade meine erwachsenste Handlung, aber das ist Liegenreservieren ja auch nicht.
Nach besagtem Ausflug freute ich mich schon diebisch und wir gingen gleich wieder an Deck um zu rauchen. Und tatsächlich ging’s schon los. „Seien Sie mir nicht böse, aber ich war zuerst hier“…. „Stimmt doch gar nicht!“…. Herrlich. Wenn man bedenkt, dass keine Liege besser war als die andere. Kein besserer Ausblick, nicht näher am Pool, kein wie auch immer gestalteter Vorteil. Als Draufgabe sagte ich zu einer Frau am Weg zum Essen noch „Nicht, dass Sie mein Handtuch jetzt auch wegtun.“ Zeterndes „Ich war das nicht!“ war die Antwort. Infantiler Spaß bei der Kreuzfahrt.

Auf der Kreuzfahrt hatten wir einen Fremdenführer, der längere Zeit in Deutschland gelebt haben dürfte und ausgezeichnet Deutsch sprach. Was wir bis zuletzt allerdings nicht entschlüsseln konnten, war das Wort (?) „Jasoha“, das er in jedem dritten Satz verwendete. Es bleibt ein Rätsel, was er damit ausdrücken wollte. Er besaß ein ungeheures Wissen und es war wirklich interessant, ihm zuzuhören. Von der ganzen Information blieb allerdings nur sehr wenig hängen. Eines der wenigen Dinge, die ich noch weiß, ist sein (damals noch ziemlich mutiger) Witz: Wie nennt man einen Kuhstall auf Arabisch? Mu(h)bara(c)k.

Das ägyptische Ministerium für Altertümer gibt sich viel Mühe, die historischen Stätten zu erhalten, archäologisch aufzuarbeiten und für Besucher zugänglich zu machen. Kein Wunder, ist doch der Tourismus ein immens wichtiger Faktor für das Land. Als Fremdenführer muss man ein komplettes Studium absolvieren. Anders als in Österreich, wo man sich in wenigen Monaten auf die staatliche Prüfung vorbereiten kann oder in Deutschland, wo das überhaupt ein freies Gewerbe ist und man keinerlei speziellen Kenntnisse nachweisen muss. Diese Studien in Ägypten sind meist kombiniert mit einer oder mehreren Fremdsprachen. Ich habe Fremdenführer gesehen, die in sattelfestem Russisch, Japanisch, Chinesisch etc. geführt haben. Hat mich sehr beeindruckt. Man versucht also, den Touristen ein möglichst hohes Niveau bieten zu können.

Nach dem Vortrag von unserem Guide wusste ich genau, was hier alles zu sehen ist. Heute liefert mir mein Gedächtnis leider nur mehr hier und da mal einen Wissensfetzen.

Wendepunkt der Kreuzfahrt war Assuan am gleichnamigen Staudamm, der den Nil zum Nassersee aufstaut. Bei einem Ausflug mit dem Bus hielten wir plötzlich an und alle mussten aussteigen. Es war ein Security-Checkpoint. Das war zumindest offenbar die Idee, die diesem Schauspiel zugrunde lag. Wir ließen alle unsere Rucksäcke und Taschen im Bus, marschierten im Gänsemarsch durch einen Metalldetektor (Handy, Geldbörse, Kamera – alles am Körper), der gepiepst hat wie verrückt, und danach stiegen wir wieder in den Bus. Solche Placebo-Aktionen sind weltweit ziemlich verbreitet. Bei Eingängen zu Hotels, Sehenswürdigkeiten, Verkehrsmitteln etc. gibt’s das sehr oft. Ich kann’s mir nur so erklären, dass man den Gästen irgendwie so etwas wie Sicherheitsbewusstsein vorgaukeln möchte aber gleichzeitig den Touristen möglichst keine Umstände bereiten will. Zumindest kommt es mir so vor, dass ich mit meiner hellen Haut und meinen blonden Haaren meist unbehelligt durch solche „Kontrollen“ komme. Außerdem scheint es oft so zu sein, dass sich halt eine obere Stelle einbildet, man müsse Kontrollen durchführen und dann setzt man Personal hin, das man schlecht ausbildet und vermutlich noch schlechter bezahlt. Mein Tipp: einfach mitspielen und das Ganze nicht zu ernst nehmen. Die Leute machen nur das, wofür sie bezahlt werden.

Am Bahnhof von Assuan. Nächstes Mal vielleicht mit dem Zug durch Ägypten? Es gibt nämlich noch jede Menge zu sehen.

Wir hätten von Assuan aus natürlich am Schiff eine Tour nach Abu Simbel buchen können, nur hat uns das Programm nicht angesprochen und es wäre relativ teuer gewesen. Wir wollten uns selbst nach einem Guide umsehen. Kaum waren wir vom Schiff gestiegen, wurde wir auch schon angesprochen, ob wir nicht einen Ausflug machen möchten. Wo Touristen sind, gibt es so gut wie immer auch Leute, die ihnen allerlei Waren und Dienstleistungen anbieten. Wir waren uns schnell handelseins und wurden dann in diesem Fahrzeug zum eigentlichen Fahrer gebracht.

G. sah sich schon stundenlang Minnie Mouse anstarren
Unser eigentliches Vehikel für die Tour war dann etwas geräumiger.

Ich kann nicht mehr sagen, wieviel genau der junge Mann für den Ausflug mit uns verlangte, aber es war ein Bruchteil von dem, was auf dem Schiff verlangt worden wäre und vor allem war es ein lächerlich kleiner Betrag, wenn man bedenkt, dass Abu Simbel gut 250km von Assuan entfernt liegt und der Fahrer den ganzen Tag mit uns unterwegs war.
Für die Abfahrt raus aus Assuan gab es vorgegebene Zeiten, zu denen alle Fahrzeuge aus Sicherheitsgründen im Konvoi losfahren müssen. Dieser Konvoi hat kurz später schon nicht mehr existiert. Unser Fahrer wollte zeigen, was sein Auto kann und wir klebten bei Geschwindigkeiten von gut über 100km/h mit teilweise weniger als 2m Abstand an der Stoßstange eines Fahrzeuges vor uns. Von Abu Simbel habe ich leider keine Fotos mehr, aber ihr kennt das bestimmt (zur Not hilft Google sicher weiter). Ein ca. 3300 Jahre alter Felsentempel, der beim Fluten des Stausees verlorengegangen wäre. Um das zu verhindern hat man die Anlage von 1963 bis 1968 in Teile zerlegt und 64m weiter oben wieder aufgebaut. Irre eigentlich – aber es wäre ewig schade gewesen um den Tempel.

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